Biografie

 

 

Johann Ernst Benjamin Bilse wurde am 17. August 1816 in Liegnitz / Schlesien geboren und erlernte den Beruf eines Stadtpfeiffers bei dem „wohlbestallten Musicus instrumentalis“ Ernst Scholz. Die Lehrzeit eines Stadtmusicus`, bei der man die „praktische Behandlung fast aller Orchesterinstrumente erlernte“, dauerte gewöhnlich fünf Jahre. Bilse war ein ausgezeichneter Geiger, so nimmt es nicht wunder, daß er in Wien Stunden bei dem berühmten Geiger Joseph Böhm nahm und in der Kapelle von Johann Strauß (Vater) spielte.

1842 wurde Bilse in Liegnitz zum Leiter der Stadtkapelle gewählt. In wenigen Jahren gelang es ihm, diese Bilsekapelle“ an anspruchsvolle Aufgaben heranzuführen. Um die Mittel für die immer größer werdende Kapelle aufbringen zu können, unternahm er als Orchesterunternehmer und Dirigent „Kunstreisen“ in größere und kleinere Städte. Größere Reisen, die von Mai bis September dauerten, führten ihn nach Warschau, Pawlowsk bei Petersburg und Riga . Zur Weltausstellung 1867 spielte er (zum Teil mit Johann Strauß Sohn) in Paris.

Benjamin Bilse und Wilhelm Tschirch war es gelungen, in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts aus Liegnitz so etwas wie eine „Musikstadt“ zu machen: Wahrscheinlich gab es in ganz Deutschland keine Kleinstadt (Liegnitz hatte in dieser Zeit nicht einmal 15.000 Einwohner) in der so viel anspruchsvolle Kammer-, Kirchen- Orchester- und Opernmusik, aber auch Unterhaltungsmusik gehört werden konnte. Als der Magistrat der Stadt Liegnitz die vereinbarten Honorare für die Opernmusiken im Stadttheater mehrmals herunterzuhandeln versuchte, löste Bilse 1865 die Bindungen an seine Heimatstadt und spielte von 1867 bis 1885 in Berlin im „Concerthaus“ an der Leipzigerstaße. In Berlin erreichte er mit den „Bilsekonzerten“, von denen er mehr als dreitausend dirigierte, eine beinahe legendäre Popularität.

Auch von Berlin aus unternahm er jeweils im Sommer Konzertreisen. Als er 1882 für den ganzen Sommer nach Warschau reisen wollte und seinen Musikern die Verträge kurzfristig vorlegte, kam es „wegen Gagenfragen“ zum Eklat. Die große Mehrheit seiner Musiker (54) löste sich von ihm und gab unter dem Namen „Vormalige Bilse´sche Kapelle“ oder auch „Bilse-Kapelle aus Berlin“ Konzerte. Erst als Bilse gegen die Verwendung seines Namens Einspruch erhoben hatte, haben sie sich den Namen gegeben, unter dem sie noch heute bekannt sind, “Philharmonisches Orchester”.

Nach dieser schmerzlichen beruflichen Niederlage, Bilse hatte einen großen Teil seiner Musiker persönlich ausgebildet und die Kapelle aus kleinsten Anfängen in Gartenlokalen und gemieteten Tanzsälen zu triumphalen Erfolgen führen können, resignierte er nicht, sondern baute mit den ihm verbliebenen wenigen Musikern wiederum ein Orchester auf. Als er 1885 Berlin verließ, um als Privatmann nach Liegnitz zu gehen, war seine Popularität in Berlin so groß, daß man Krawalle befürchtete und vorsichtshalber Polizeikräfte zusammenzog.

Bilse hatte sich als „Orchestererzieher“, der sich bemühte auch weniger bekannte neue Werke zur Aufführung zu bringen, einen besonderen Ruf erarbeiten können. Selbst komponiert hat er eine Reihe von Walzern, Polkas, Quadrillen und Märschen, von denen 42 opera im Druck erschienen, der größte Teil im Verlag Bote und Bock in Berlin. Im Jahr 2002 jährt sich sein Todesjahr zum 100. mal.

 

Zitate

„Das einstimmige Urtheil der Musiker, an deren Spitze die Autoritäten Graf Redern, die Professoren Grell und Stern, Kapellmeister Taubert, Wieprecht u.s.w. sich befanden ...daß so vorzügliche Leistungen in Berlin nicht gehört werden. Wir erblickten ein Orchester von 47 ausschließlich jungen, ja sehr jungen Leuten, die mit sichtbarem Feuer und Eifer ihre künstlerische Aufgabe lösten. Gleich der kühne, gelungene Einsatz der Bläser in der Mendelsssohn´schen Ruy-Blas-Ouvertüre bot die Garantie, daß das ganze Programm trefflich vom Stapel laufen würde, und es war eine Freude, das jugendliche Feuer zu sehen, wenn es in den Tutti´s der Ouvertüre und der C-moll -Sinfonie losbrauste, nur hier und da wieder gezügelt von der kundigen Hand des dirigirenden Meisters. Welche bange Erwartung in dem merkwürdigem Pianissimo des Scherzo obengenannter Sinfonie, welche Spannung in dem meisterhaft allmählich anschwellenden Crescendo, bis, nach wunderbarer Vorbereitung, der mächtige Tonstrom des letzten Satzes in Glorie und Majestät hervorbricht. Fast hätten die athemlos lauschenden Zuhörer mit jubilirt....“

(Konzert in der Singakademie von Berlin. Das Zitat wurde aus einer Berliner Zeitung entnommen und im "Liegnitzer Stadt-Blatt" No. 150, 1864 abgedruckt).

Der königl. Musik-Direktor Richard W ü e r s t äußerte sich in seiner Kritik über die Leistungen der „Bilse´schen Kapelle“: “ Die Bilse´sche Kapelle zeigt sich in allen Stücken als wohlgeschult und in ihrem Zusammenspiele so ausgezeichnet, daß sie selbst ein Berliner, an die besten Orchester-Leistungen gewöhntes Publikum zur Bewunderung zwingen muß. Sämtlich Nuancen sind wohlabgewogen; das piano ist duftigleise, das fortissimo voller Energie und auch die Mittellinien fehlen nicht. Jedes Tempo wird sofort von Allen erfaßt, und es beseelt überhaupt nur e i nGeist das ganze Orchester, nämlich der des Dirigenten.“

(zitiert nach dem "Liegnitzer Stadt-Blatt" No. 150, 1864)

„In Stettin gab ...Bilse drei Konzerte... Das Auditorium war von den Leistungen der Kapelle stets begeistert und daher in seinen Beifallskundgebungen stürmisch. Etwas Besseres will man in Stettin noch niemals gehört haben. Ein Referent der Pommerschen Zeitung sagt über die Ausführung der D-moll-Sinfonie von Schumann: „Die Executirung dieses Tonstückes erregte eines Sensation, wie wir es hier für kaum möglich gehalten haben. Es war aber auch ein unvergleichliches Meisterstück der Ausführung, in welchem alles lichtvoll, klar und durchsichtig erschien. Noch mehrere solcher Schumann-Apostel, und der jetzt noch vielfach als confus geschmähte und unverstandene Componist wird auf dem ganzen Erdballe populär werden.“

(zitiert nach dem "Liegnitzer Stadt-Blatt" No. 150, 1864)

 

Würdigungen

"Durch mein Wirken habe ich, wie mir von anerkannten Meistern und von der Kritik zu erkennen gegeben wurde, meinem Namen einen guten Klang erworben, welches von einer kleinen Stadt aus viel schwerer ist als von einer großen. Obgleich ich nur kleine Sachen komponirte, so fanden dieselben doch Verbreitung bis über Europa hinaus."

Eigenhändiger Brief Bilses vom 12.März 1861 (Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Berlin, Unter dem Linden, Musikabteilung, ep. B. Bilse)

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"Auf der Durchreise...las ich..., daß Bilse  Deine Leonore zum ersten Male aufführen werde, blieb natürlich und hatte es durchaus nicht zu bereuen. Das Werk ....wurde so anhaltend enthusiastisch applaudirt, daß ich glaubte, es müsse zum Da Capo-Rufen explodiren...Anwesend: über 2000 andächtige Zuhörer - sämmtliche Kritiker Berlins....Bilse ....hat sich bei der Einstudirung ...die ersichtlichste Mühe gegeben und man darf ihm aufrichtig danken.... Summa summarum: Ich habe einen großen Genuß gehabt...."

Hans von Bülow, Brief an Joachim Raff vom 31.Okt. 1873

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".......die Konzerte von B i l s e führen uns vor ein Orchester von Jünglingen, von einem Manne geleitet. Es kling etwas Unbezahlbares, Unpensionierbares aus dem feurigen energischen Strich dieser jugendlichen Quartettschar..... Und welchen schönen Kontrast gab nun B i l s e  nach diesem blendenden Bilde von

B e r l i o z  in dem erhaben einfachen gezeichneten Fis-dur-Andante von H a y d n, welches das volle Quartett allein ausführte. Wie neu, wie von gestern das klang! Aber auch mit welcher Feinheit und Innigkeit des Vortrages wurde es gespielt! "

Cornelius, Carl Maria, Peter Cornelius Ausgewählte Briefe nebst Tagebuchblättern und Gelegenheitsgedichten. Band 1, 1904 Leipzig

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"Nur des wackeren Bilse sei noch gedacht, der mit einer gut geschulten Kapelle Symphoniekonzerte veranstaltete und die Berliner Musikfreunde mit manchem neuen Werk bekannt machte....Er dirigierte immer mit dem Gesicht dem Publikum zugewendet, und ich werde nie das leise, triumphierende Zucken um seinen Mund vergessen, wenn ihm irgend ein vorher berechneter Effekt gelang, wenn z.B. bei dem jähen und gewöhnlich überstark gespielten Fortissimoschlag nach der Einleitung der Oberonouvertüre oder im Andante der Paukenschlagsymphonie einige unvorbereitete Zuhörer erschreckt zusammenfuhren."

Krebs, Karl, Meister des Taktstockes.Berlin 1919

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"….und daß aus der seit 1867 in Berlin tätigen Bilse´schen Kapelle 1882 das "Philharmonische Orchester" hervorgegangen ist. Daß sich diese "Privatorchester" andererseits stärker dem Publikumsgeschmack anpassen mußten als etwa die königliche Kapelle, muß nicht ausdrücklich betont werden. Schließlich lebten sie von der Gunst des Publikums. Die Qualität und das Können dieser Orchester kann jedoch nicht hoch genug eingeschätzt werden: sie konnten sich mit jedem der ´institutionalisierten´ Orchester vergleichen. Besondere Bedeutung kam ihnen auch in ´pädagogischer´ Hinsicht zu. Nicht nur, daß sie es den sozial schlechter gestellten Bürgern, Studenten usw. ermöglichten, die Werke großer Komponisten kennen zu lernen, sondern vor allem auch, daß hier offenbar der musikalische Nachwuchs Gelegenheit bekam, durch Aushilfe ("mit verstärktem Orchester!") Erfahrung zu sammeln, war ihr Verdienst. Durch sie wurde Berlin erst eigentlich zur ´Musikstadt´.

Mahling, Christoph-Helmut, Zum Musikbetrieb und seinen Institutionen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in: Studien zur Musikgeschichte Berlins hg. von Carl Dahlhaus, S. 27-284. Regensburg (?), 1980

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"Die Aufführungen der Bilseschen Kapelle sind der Ausgangspunkt für alle damals neue Konzertmusik in Berlin gewesen. Dort spielte man Berlioz, Schumann, Wagner, Liszt, Raff und wie die Neuerer jener Tage alle heißen. Dort geschahen Zeichen und Wunder. Dort befehdeten sich Parteien, und in den Kämpfen, die oft den Saal durchtobten, kam vieles von dem zustande und zutage, was wir heute in unserem Konzertleben wie selbstverständlich als unser Eigentum betrachten."

Ochs, Siegfried, Geschehenes, Gesehenes. Leipzig und Zürich 1922

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"Bilses Konzertprogramme enthielten nicht nur die in Lokalitäten dieser Art bevorzugt verlangten modischen Tanz- und Unterhaltungsstücke, sondern mehr noch "die geheiligten Namen eines Bach, Händel, Haydn, Mozart, Beethoven, Weber, Schubert, Schumann, Mendelsohn". Deren Werke gegen einen erschwinglichen Eintrittspreis allgemein bekannt zu machen, rechnete Bilse zu seiner vordringlichsten künstlerischen Aufgabe. Geschichtlich gesehen ist er einer bedeutendsten Wegbereiter des ´Volks-Symphonie-Konzertes´ gewesen".

Heinrich W.Schwab, Konzert, Öffentliche Musikdarbietung vom 17. bis 19. Jahrhundert Leipzig 1971, Seite 132.

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"... mit seiner Kapelle, welche die vorzüglichste in ganz Deutschland ist und klassische Musik mit der höchsten Perfektion executirt - jedoch im Genre der Tanzmusik nicht das leistet, was man in Wien gewöhnt ist - nämlich nicht den Chic besitzt für - Walzer, Polka etc. -.... Ich sollte nämlich den Musikern das beibringen - was ihnen fehlte - und so in beiden Genre´s tüchtig - sollten wir zusammen die Sache unternehmen, Bilse die ernste u. ich die heitere Musik zu Gehör bringen...."

Johann Strauss (Sohn), Illustr. Ztg., Leipzig, Nr. 2187, 30. Mai 1885, S.545

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"Das ist ein Orchester, man meint die Engel singen zu hören.... die Geigen - Cellis - das singt alles und eine Perfection ……!"

Jetty Strauss, Johann Strauß (Sohn) Leben und Werk in Briefen und Dokumenten. Im Auftrage der Johann Strauß-Gesellschaft Wien Gesammelt und kommentiert von Franz Mailer. Band 2, Seiten 35 und 42. Tutzing 1986

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"Zu einer Zeit , als Wagner in Berlin noch verhöhnt, Liszt reulär ausgezischt und Berlioz noch gar nicht zu den Musiker gerechnet wurde, fanden sich in seinen Programmen schon die Namen dieser drei Häuplinge. Die Kunst, jedem etwas zu bringen, dem Kenner und dem Laien, verstand Bilse, wie kaum ein anderer. Das Ernste wurde gehegt, das Heitere gepflegt, Altes und Neues mit gleicher Sorgfalt und Hingabe einstudiert."

Wilhem Tappert, In: Die Musik, Jg 1. (1902), 1991 ff.

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"... ging ich zu Bilse. Einen merkwürdigen Eindruck machte der große prachtvolle Saal auf mich, in dem es nach schlechten Zigarren und Speisen roch und Strümpfe strickende Damen und Bier trinkende Herren sich die Zeit vertrieben... Dabei ein ausgezeichnetes Orchester, gute Akustik und ein schönes Programm."

Teure Freundin. Peter Tschaikowskis Briefwechsel mit Nadeshda von Meck. Leipzig und Weimar, 1988, Seite 208

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"Die Bilsesche Kapelle zeigt sich in allen Stücke als wohlgeschult und in ihrem Zusammenspiele so ausgezeichnet, daß selbst ein Berliner, an die besten Orchester-Leistungen gewöhntes Publikum zur Bewunderung zwingen muß. Sämmtliche Nuancen sind wohlabgewogen; das piano ist duftigleise, das fortissimo voller Energie und auch die Mittelinien fehlen nicht. Jedes Tempo wird sofort von allen Allen erfaßt, und es beseelt überhaupt nur e i n  Geist das ganze Orchester, nämlich der des Dirigenten."

Richard Wüerst, Konzerte im Sept. (?) 1864 in Berlin(zitiert nach dem  "Liegnitzer Stadt-Blatt"  No. 150/1864)