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Vorträge 2005

Am Mittwoch, dem 11. Januar 2006,

besteht die Möglichkeit, um 18 Uhr an einer Führung durch die Ausstellung

"Benjamin Bilse (1816-1902), Von Stadtmusicus zum gefeierten Dirigenten"

in der Lippischen Landesbibliothek Detmold teilzunehmen.

(Die Ausstellung ist bis zum 13. Januar 2006 geöffnet.)

Im Anschluß an die Führung werden auf Einladung des Musikwissenschaftlichen Seminars der Hochschule für Musik, der Landesbibliothek Detmold und der Benjamin Bilse Gesellschaft e.V. um 19 Uhr (Vortragsraum) zwei Vorträge gehalten:

Prof. Dr. Eckart Bergmann

"Zur Baugeschiche und zur Bedeutung des Concert-Hauses in Berlin, Leipziger Straße 48"

Abstract

Das Konzert-Haus in Berlin an der Leipzigerstraße war von 1867 bis 1898 ein wesentlicher Bestandteil der Berliner Musik- und Kulturgeschichte. Bekannt wurde es vor allem als die Wirkungsstädte des populären Dirigenten und Komponisten Benjamin Bilse, der hier täglich in der Wintersaison mit seiner Bilse-Kapelle konzertierte. Bilse und seine Nachfolger haben die klassische und moderne Musik mit mehr als 6000 Konzerten in diesem Haus einem großen Kreis der Berliner Bevölkerung erschlossen. Der 1900 zugunsten des Warenhauses Hertie abgerissene Bau hat aber nicht nur Musikgeschichte geschrieben, sondern nimmt auch einen besonderen Platz in der Entwicklung der Konzerthäuser ein. Das Berliner Konzerthaus erhebt die traditionelle Schachtelform der Musiksäle zu einem von Logen umgebenen Festsaal, er steht an der Wende zu den monumentalen Konzerthäusern des Historismus. Die Vorstellung des ersten großen Berliner Konzerthauses beginnt mit seiner Lage in der Friedrichsstadt, erläutert den Bau und seine Ausstattung, geht auf den Typus des Raumes ein und versucht eine Zusammenfassung seiner Akustik, die von Tschaikovsky anlässlich eines Besuches 1880 als gut beschrieben wurde.

erschienen im Jahrbuch "Berlin in Geschichte und Gegenwart" hrg. von Uwe Schaper, Redaktion Werner Breuning (Berlin 2006, S. 9 -30).

 

Dr. Rüdiger Ritter, Universität Bremen:

„Der Deutsche dem Polen ein Bruder“: Benjamin Bilse in Warschau

Abstract

Seit 1857 besuchte Benjamin Bilse mit seinem Orchester die Stadt Warschau mehrmals. Besonders die ersten Konzerte waren eine Sensation für das Warschauer Publikum. Endlich konnte man einen Dirigenten mit seinem Orchester bei sich genießen, dem der Ruf außerordentlicher Professionalität vorausging. Tatsächlich enttäuschten Bilse und seine Musiker die Erwartungen der Warschauer nicht. Er und seine Musiker beeindruckten nicht nur durch ihre in Warschau bis dahin ungekannte Akkuratesse im Vortrag, sondern vermittelte seinen polnischen Hörern die wichtigsten Werke westlicher, vor allem deutscher Sinfoniker und eroberte damit die Herzen seiner Zuhörer. Er wurde schließlich sogar für würdig befunden, im Jahr 1872 die Musik zur Trauerfeier für den polnischen Nationalkomponisten Stanisłlaw Moniuszko zu spielen – eine kaum noch steigerbare Ehre für einen Ausländer in einer Zeit, in der sich langsam aber sicher der deutsch-polnische Gegensatz aufbaute, was auch in den Beurteilungen Bilses sichtbar wird.

An den zahlreichen Konzertbesprechungen, die Bilses Aufenthalte in Warschau begleiteten, werden schlaglichtartig einige Charakteristika des Warschauer Musiklebens sichtbar. Drei Grundthemen nicht nur der Warschauer, sondern der polnischen Musikkultur des 19. Jahrhunderts scheinen bei der Betrachtung von Bilses Anwesenheit in Warschau auf: das Verhältnis von Vokal- und Instrumentalmusik, die grundsätzliche Zweckbestimmung von Musik als politischer Kunst und der sich ausbildende Gegensatz zwischen gehobener Kunst und leichtem Musikgeschmack.

Bilse wurde zu einem Katalysator für die Entwicklung und Emanzipation der polnischen Sinfonik von der bis dato übermächtigen Konkurrenz der Oper, die in Polen traditionell einen sehr hohen Stellenwert hatte. Hierin liegt eine große und bis heute kaum gewürdigte Bedeutung Bilses nicht nur für das Warschauer Musikleben, sondern für die polnische Musik überhaupt. Die Musikkritiker sahen sich als Aufklärer, die einem an musikalischen Dingen nicht übermäßig interessierten Publikum an Bilses Beispiel die Grundbegriffe der Sinfonik beibringen wollten. Das taten sie nicht etwa aus schöngeistigem Interesse, sondern aus handfesten politischen Motiven heraus: Musik galt als Königsweg zur Demonstration eigener kultureller Leistungsfähigkeit angesichts des polnischen Bestreben, einen unabhängigen Staat wiederzuerlangen.

Bilse bediente nicht nur den gehobenen Musikgeschmack, sondern ließ auch die „leichte Muse“ nicht zu kurz kommen. Hieran jedoch schieden sich die Geister: Während gerade die sendungsbewußten Musikkritiker an den „großen Werken“ interessiert waren und Walzer und Polkas u. drgl. mit Verachtung straften, war es genau dieses Musikgenre, das auf den vielen öffentlichen Konzertplätzen Warschaus breite Kreise der „besseren Gesellschaft“ anzog. Das Warschauer Großbürgertum benutzte Bilse und sein Orchester hier als repräsentativen Hintergrund, um das Spiel von Sehen und Gesehenwerden zu spielen

Für die polnische Musik bedeutete Bilse also erheblich mehr, als sein auch dort geringer Bekanntheitsgrad zunächst vermuten lässt. Darüber hinaus repräsentiert er – und darin liegt ein Stück europäischer Bedeutung Bilses – auch einen Teil der im 20. Jahrhundert nach der Ausbildung des Ost-West-Gegensatzes verlorengegangenen Normalität, als ein Liegnitzer Musiker nicht nur nach Berlin, sondern ganz selbstverständlich auch nach Warschau reiste, das von Liegnitz aus nur unwesentlich weiter entfernt ist. Erst in den letzten Jahren wird diese Art europäischer Normalität wieder Stück für Stück neu entdeckt, wobei Bilse eine Hilfe sein kann.

Der Vortrag beleuchtet die hier angesprochenen Punkte anhand von aussagekräftigen Zitaten aus zeitgenössischen Rezensionen. Außerdem gibt er einen Einblick in die Situation der musikalischen Aufführungsstätten in Warschau zur Zeit Bilses anhand zeitgenössischer Abbildungen der wichtigsten Orte, an denen Bilse auftrat.

 

Ausstellungen 2005

"Benjamin Bilse (1816-1902), Leben und Werk",

Lippische Landesbibliothek Detmold,

Hornsche Straße 41 in 32756 Detmold

vom 03.11.2005 bis 13.01.2006

Auf den Internetseiten der Lippischen Landesbibliothek können Sie einen Eindruck über Inhalt und Umfang der Ausstellung erhalten:

http://www.llb-detmold.de/ausstellungen/bilse/index.html

 

Eine weitere Austellung

die in den Räumen der Universitätsbibliothek Wroclaw erfolgen soll, ist in Zusammenarbeit mit der Universitätbibliothek und der Hochschule für Musik Wroclaw geplant. In Breslau hat die "Bilsekapelle" von 1844 bis 1884 sehr viele Konzerte gegeben (vgl. Zduniak, Maria: Koncerty orkiestry pod dyrekcja Beniamina Bilsego w XIX-wiecznym Wrocl/awiu /Die Konzerte des Orchesters unter der Leitung von Benjamin Bilse in Breslau im XIX Jahrhundert. In: Zycie muzyczne Legnicy XIII.-XIX w., , material/y z sesji naukowej, S. 161-174. Legnica, 1984).

 

Forschungsvorhaben

“Bedeutung der Bilsekapelle (1842-1885) als Reisekapelle”

konnte abgeschlossen werden. Der Sonderdruck in den "Mitteilungen der Benjamin Bilsegesellschaft" (Heft Nr. 4) kann, da der Artikel noch nicht publiziert worden ist, vorläufig nur den Mitgliedern der Gesellschaft zugänglich gemacht werden.

"Die Mitglieder der Bilsekapelle 1842-1885"

(Bearbeiter Gudrun und Reinhardt Romberg, Jochen Güntzel)

“Zur Baugeschichte des Konzerthauses in Berlin”

(Bearbeiter Professor Dr.-phil Eckart Bergmann, München)

“Zur Bedeutung des „Liegnitzer Stadt-Blattes“ und der Zeitschrift „Silesia“ für die Werbung und Organisation der Konzerte der Bilsekapelle in Liegnitz”

(Bearbeiter Professor Dr.-Ing. Jochen Güntzel)

Das Bilsearchiv konnte eine Reihe interessanter Archivalien (u.a. Tonaufnahmen, Programme, Kritiken, seltene Abbildungen, Notenmaterial u.a.m.) erwerben bzw. anfertigen lassen.

Im Jahr 2003 wurde auf Beschluss der Stadt Legnica dem Dirigenten und Komponisten Benjamin Bilse eine Strasse in der historischen Innenstadt von Liegnitz gewidmet. Weitere Straßen, die nach B. Bilse benannt sind, gibt es in Berlin und Bremen